04 Der Zirkel um Xardas


Der Thron der Dunkelheit

Ein gleißender Strahl bricht die lichtlose Monotonie der Nacht und empor steigt das Zeugnis einer Sphäre, unberührbar für die Menschheit und doch ein unabdingbarer Quell ihres Lebens. Über die Mauern der Tempel und Kloster steigt sie, den Beginn des sich scheinbar ewig wiederholenden Alltags der Novizen einläutend, die mit dem Wort des Preises an ihre Götter aus ihrem Bette steigen, mit unendlichen Verbeugungen ihre Lehrmeister grüßen und in grenzenloser Demut das Werk ihrer Meister studieren. Fernab solcher heiligen Mauern, hinter massiven Wänden aus schwarzem Gestein, das keinen Lichtstrahl ohne Gestatten hineinlässt, geschieht eben Selbiges. Wieder und wieder greifen die verirrten Schafe, die der lichten Welt entsagt haben, nach verbotener Macht und vollbringen kleine Wunder auf dem Weg eine Größe zu erlangen, die die einfachen Sterblichen zu erfassen kaum in der Lage sind.

Doch manchmal scheint es wäre der Fluss der Zeit ein anderer. So bricht er aus dem gehaltlosen Alltag aus, schwillt an und lädt sich auf, wie die Luft vor einem Gewittersturm. Dann ist es Zeit Geschichte zu schreiben. Ein Priester der dunklen Mächte war Objekt und Zentrum dieser Zeit, geführt und geleitet von einem weiterem, einem hohen Priester, der die Zeichen erkannte. Genau wie einen bestimmten Makel, den zu überwinden für den Priester eine absolute Notwenigkeit war. Nicht Wissen war es, das fehlte. Nicht Erfahrung oder Glaube, nicht Demut oder Eifer, sondern etwas viel Stärkeres. Eine Qualität dessen Größe die Welt umspannen und wie ein Ozean die Weiten des Geistes zu erfüllen vermochte. Die Prüfung dieser Eigenschaft stellte den Priester vor eine Mauer. Eine Wand nicht nur im wahrsten Sinne des Wortes, sondern selbst darüber weit hinaus gehend. Eine schwarze Fläche aus Stein, den Weg versperrend zu dem Ort an dem zu wachsen nur jene in der Lage sind, die bereits Größe erlangt haben, welche die Grenzen der Menschlichkeit bis zum letztmöglichen ausreizten.

Und des Priesters Wille war stark. Viele Jahre im Dienste der Dunkelheit verliehen ihm die Kraft jene Mauer zu überwinden und sich wiederzufinden im Reich der Finsternis. In einer Kammer des Wissens, welche für Sterbliche nicht einfach nur verschlossen ist, sondern ihr Leben verschlingt sollten sie nicht bereit gewesen sein für diesen Schritt und immer weiter an ihrem Leben, an dem Quell ihres Geistes nagt, um erbarmungslos den einen Moment zu bestrafen, da sich der Priester die Blöße der Schwäche geben würde. Was er aber im Gegenzug erhielt, war ein Preis, dessen Wert mit der Vorstellung eines Menschen nicht zu erfassen ist. Bücher, so schwarz wie das Reich Beliars selbst und geschaffen von eben den Dienern des dunklen Herrn, offenbarten sich dem Anblick des Priesters und die überlieferte Weisheit dieser Wesen traf seinen Geist wie ein gewaltiges Gewicht. Bilder von unfassbarer Grausamkeit, von scheußlichen Gestalten die sich gegenseitig fraßen, von Gift und Blut und Worten, die die Seele verdarben. Solche Gewalt riss neue Bahnen in den Verstand des Priesters, ließ sein geistiges Gefäß wachsen und die Antworten auf so viele Fragen erkennen. Geschichte war aber noch nicht geschrieben. Die Schwäche war getilgt, aber der letzte Schritt noch nicht getan.

Zurück in der Sphäre der Lebenden, nun die Leere seiner Vergangenheit erkennend, sinnierte der Priester über Sinn und Unsinn, über sein Handeln und sein Ziel. Immer klarer wurde die Notwendigkeit eines Wandels und als die Zeit endlich gekommen war, stellte sich der Priester vor dem Höheren auf, den Wandel, das Ziel, den Titel verlangend. Der Boden brach auseinander und spie ein Geschöpf der Unterwelt aus die Arroganz des Priesters zu strafen. Seine fleischliche Hülle drohte durch jenen Griff zu bersten und doch hielt der Priester stand, gab sein Verlangen nicht auf und verlieh ihm gar Nachdruck. Mit diesen Worten schätzte der Hohepriester jenen als bereit und führte ihn ein letztes Mal. Das Ziel war der Thron der Dunkelheit in jenem Saal dessen Stille ihr Vorbild am Reich der Toten selbst nahm. Ihn besteigen musste der Priester jedoch selbst und kaum war der letzte Schritt zu tun überkam ihn das Gewicht des Wandels. Jene Schwere, die sein Wille schon einmal hatte meistern müssten, um die Weisheit der Unterwelt zu erlangen, jedoch um ein vielfaches größer. Blut riss es ihm aus seinem Körper. Es zehrte an seinem Geist. Aber Geschichte sollte geschrieben werden und so tat er es auch.

Nicht umsonst hatte er so viele Hürden genommen, so viele Prüfungen bestanden und die dunklen Mächte gemeistert. Der Priester erhob sein Haupt und nahm Platz auf dem Thron. Die Grenzen seines Seins überschritten atmete den Hauch der Erneuerung und vollendet war ein denkwürdiger Schritt im Leben des Priesters. „Narzuhl“, dies war der Name, der nun, von Dämonenklauen geschrieben, in den Chroniken des Kastells verewigt war und nie in Vergessenheit geraten werde.

(--Seisuke)