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Von Tinquilius

Der Oberste Wassermagier war sich sicher, dass Sergio dem Kreis des Wassers helfen würde. Er mochte noch kein tiefgläubiger Diener Adanos‘ sein, wie so viele andere, doch dafür besaß er bereits Magie, die der eines Adepten würdig war. Und, da war er sich auch sicher, er könnte es zu etwas Großem bringen. Ob mit seiner Magie, seiner Eigenart als ehemaliger Klinge oder auf andere Art und Weise. Falsch war seine Aufnahme auf jeden Fall nicht – und da stimmte ihm auch der Rest des Rates zu, auch wenn es ein wenig Erklärung erfordert hatte, wieso er ihn sogleich als Adepten aufgenommen hatte.
Doch dies lag nun Tage zurück und der Oberste Magier war zur Abwechslung mal nicht in seinem Labor oder der Ratskammer. Während seiner Abwesenheit hatten die anderen Ratsmitglieder die Aufgaben, die der Priester sonst übernahm, unter sich aufgeteilt und auch wenn er nun viele von diesen wieder übernommen hatte, so schien seine unfreiwillig lange Reise dafür gesorgt zu haben, dass er fortan mehr Zeit hätte – etwas, was er nun auszunutzen gedachte.

So stand er am heutigen Tag barfüßig im feuchten Sand am Strand nahe der Stadt. Nicht allzu weit entfernt lag der kleine Anlegesteg, der die Hauptstadt der Insel mit dem Meer und damit den südlichen Inseln und auch dem Festland verband. Eine kleine, steile Treppe führte von dem Strand hinauf vor die Tore der Stadt, Händler hingegen konnten den längeren Weg außen herum wählen, um ihre Waren in die Stadt zu transportieren. Doch all das interessierte den Priester nicht. Er war hier aus einem anderen Grund: Während Hafenviertel normalerweise gut gefüllt waren, so war der Strand einsam. Perfekt für seine Übungen.
Er kniete sich hin und drang auch mit seinen Knien ein paar Zentimeter in den kühlen, nassen Sand ein, während er die Wellen beobachtete. Vereinzelte Wolken waren am Himmel, doch zumeist schien die Sonne. Ein kühler Wind wehte vom Meer auf den Strand zu und blies die feinen Sandkörner gegen die Klippen hinter ihm. Hier unten war die Kälte stärker zu spüren als in der feucht-warmen Stadt oder den umliegenden Dschungeln – ein Paradies für den Obersten Magier, dessen bevorzugte Jahreszeit der Winter war.
Eine Welle preschte vor, schwappte über des Priesters Knie und an ihm vorbei. Langsam schloss er seine Augen und legte beide Hände neben sich in das zurückweichende Salzwasser. Das Wasser und die sich darin befindlichen Sandkörner kitzelten seine Haut. In ihm jedoch pochte seine Magie, die sich langsam in seinen Händen sammelte. Eisiges Kribbeln lief seine Finger auf und ab, während er spürte, wie sich die Magie nah an seine Haut legte. Für einen Moment konzentrierte er sich noch darauf, mehr Magie aus seinem Körper zu sammeln, dann fiel sein Augenmerk – das seines Inneren Auges zumindest - auf das um ihn herum: Wasser. Es fegte über seine Haut, war kühl und nass. Es war mächtig und zugleich so wenig greifbar wie Luft. Und genau das wollte er nun auch erreichen. Er wollte zu Wasser werden, zu einem Avatar dieses Elements. Schon zu Zeiten der Runenmagie auf Khorinis hatte er diese Fähigkeit inne. Sie war sicherlich nicht für den alltäglichen Gebrauch geeignet, doch für ihn war sie von besonderer Bedeutung: Das Erlernen dieser Fähigkeiten brächte ihn näher an sein Element und damit auch an Adanos.
Doch noch beherrschte er es nicht. Er hatte viel darüber gelesen in den Historien Jharkendars zu Zeiten des Bund des Wassers und auch nun hier in verschiedensten Büchern zur Magie der Setarrifer Kultur. Es gab die verschiedensten Formen und Elemente, die ein Magier erlernen konnte, doch alle mussten sie mit einem anfangen: Nicht der ganze Körper könnte auf einmal verwandelt werden, dies würde ihn zerreißen. Nein, zunächst müsste die Haut bereit gemacht werden. Erst danach wäre der Rest des Körpers dran. Und selbst die ganze Haut mit einem Schlag in Wasser zu verwandeln war, so dachte er wenigstens, zu viel. Zumindest für die ersten Versuche.
So waren es seine beiden Hände, an denen er seine Übungen zunächst vollzog: Als würde er seine Magie zur Heilung eines Körpers aussenden, ließ er sie auch nun aus seinen Händen hinaus das kühle Nass erfühlen. Vor seinem inneren Auge erblickte er die Magie, die im Wasser gefangen war, und versuchte sich ihr anzupassen – als ob er sich der Magie eines Patienten anpassen müsste. Ein Kribbeln fuhr durch seine Finger, seinen Arm hinauf in seine Schultern. Wie auf eine Barriere stießen seine magischen Fühler, preschten vor und wurden zurückgedrängt. Doch zugleich spürte er auch, wie sich seine Magie anpasste und allmählich angenommen wurde. Er öffnete vorsichtig seine Augen und zog seine Hände langsam aus dem Wasser, weiterhin darauf bedacht seine Magie zu wirken. Seine Finger strahlten hellblau, seine Haut war feucht – und doch verschwand der nasse Schimmer nach einem Augenblick wieder. Nicht Magie hatte ihn verursacht, sondern das salzige Wasser des Meeres.
Aber da war etwas. Ich habe es genau gespürt. Ein Kribbeln. Ein Knistern. Etwas hat sich getan, dessen bin ich mir sicher – nur war es das, was ich tatsächlich erreichen wollte? Oder hatte es damit gar nichts zu tun?