Mein nächstes Gespräch führe ich mit einem weiteren Urgestein des Rollenspiels, mit Superluemmel, dessen toller Schreibe wir einige der verrücktesten Geschichten verdanken:


Einen beträchtlichen Teil von 10 Jahren WoG hast du mitgestaltet, überwiegend im Rollenspiel. Zusammen mit Don-Esteban hast du an der ersten richtigen Geschichte mitgeschrieben und du bist einer der Teilnehmer der legendären Reise in die Unterwelt. Kannst du mir aus heutiger Sicht etwas dazu schreiben, was das Besondere am Rollenspiel der WoG war und vielleicht auch noch ist?

Für das »ist« bin ich wohl mittlerweile der falsche Ansprechpartner – aber stellen wir uns das einfach mal klassisch vor, ich im Schaukelstuhl, Kekse und Kaffee auf'm Tisch und, so, jetzt erzählt euch der Onkel mal was von früher, Jungchen!
Das ursprüngliche Rollenspiel lässt sich mit dem heutigen kaum noch vergleichen; das war damals eher ein Schwupp und Hupp, das sich nach der jeweiligen Stimmungslage des Users gerichtet hat. Wirklich kohärente, größere Geschichten gab es nicht wirklich, was wohl auch daran lag, dass es nur wenige richtige Charaktere im Forum gab. Ich glaube, ich bin da als ziemlicher Querschläger reingekommen; ein Pen & Paper Veteran, der an Regeln gewohnt ist, die eher als Richtlinien zu betrachten sind, einer, der im Vordergrund immer die gemeinsam erlebte Geschichte sieht. Dementsprechend war meine Figur auch an einer meiner DSA-Figuren angelehnt, hatte also schon von vornherein einen mehr oder weniger etablierten Hintergrund, der
a) eigentlich gar nichts mit Gothic zu tun hatte und
b) auf den ich entsprechend aufbauen konnte.

Und auf einmal hatten wir eine große Dämonenjagd am Start, mit Beteiligten aus allen Lagern und haufenweise Posts.
Alles völlig spontan. Das war damals auch so eine Sache: Wirkliche Absprachen, den ganzen ICQ-Kram und so gab es nicht und ebenso kaum gemeinsame Geschichten, die von den Gothic-üblichen Dingen wie Schattenläufer jagen oder sowas weg gingen. Don hat da übrigens dann auch drauf aufgebaut und die Geschichte mit dem Dämon als Grund verwendet, warum seine Figur zum ZuX ging. Der war davor noch so ein richtiger Waldläufer.

Ach, aus der Zeit könnte ich noch eine Menge lustiger Anekdoten erzählen. Ich weiß noch, wie ich mich damals mit Krigga in irgendeinem externen Chat getroffen hab, um unseren Überfall auf das Alte Lager zu planen. Das war dann auch mehr oder weniger der Auslöser für den Krieg, mit brennendem Sumpf und all dem.
Ziemlicher Querschläger, wie gesagt. Und die Mods mussten's ausbaden. Und irgendwann ist man dann selbst Mod. Komisch.
So, das war jetzt viel Geschwafel und kein Punkt. Kannst du deine Fragen nicht präziser formulieren? Teilfragen machen einen noch ganz kirre im Kopf!


Ja klar, ich kann mich noch gut erinnern, wie du dich auf einmal als schwarzer Geist in die Unterweltquest reingeschrieben hast. Ich war ziemlich irritiert. Hat dich eigentlich das Forum inspiriert und deine Fähigkeiten entwickelt oder war das eher Zufall, dass du dich dann immer mehr in die Schriftstellerei vor gewagt hast?

Wieder drei Fragen auf einmal!
Kann ich die auch mit ja oder nein beantworten? Dann würde ich sagen: Nein, jein, jein.

Das ist ja mittlerweile schon eine ganze Weile her, damals noch mit Gamesweb. Sollte vielleicht dazu sagen, dass ich ein ziemlicher Spätzünder war, mit dieser ganzen Internetgeschichte und dem ganzen Kram. DSL war damals noch nicht, oder gerade erst im Kommen und mit Foren etc. hatte ich damals gar nichts am Hut. War eher einer von der Spezies "Zwei-Finger-Zielsuchsystem".
Naja, nachdem ich dann im Forum war, hatte ich nach einer Woche das Zehnfingersystem autodidaktisch gemeistert. Das haben dann die Mods auch zu spüren bekommen; ich war damals der Bekloppte mit den Endlosposts. Freud würde da wahrscheinlich mit Gott-Komplex oder so kommen, das hat ja schon was, mal so richtig schöne Blöcke blanker Rhetorik in das Forum fallen zu lassen, das ist ein Paradigmenwechsel für Leute, die noch mit dem Füller in der Hand aufgewachsen sind (naja, und an der Qualität kann man ja noch später arbeiten). Aber ich schweife ab.

Also, Fähigkeiten entwickelt eher im Sinne von purem, handwerklichem Geschick. Inspiriert? Nein. Ich hatte meine gesamte Forenlaufbahn den Kopf viel zu voll mit eigenen Ideen und auch wenn ich sie manchmal damit vereinbart hab, hatten sie meist mit dem eigentlichen Inhalt des Forums nur wenig zu tun. Meine Ideen kamen und kommen eher aus ganz alltäglichen Situationen, aus Dingen die ich höre oder beobachte. Und natürlich aus Büchern. Ich hab eigentlich immer mindestens ein Buch in meiner Nähe, meistens abgefahrenes Zeug, das man hierzulande gar nicht findet, weil hier ein anderer Markt herrscht. Mit Fantasy hab ich ohnehin wenig am Hut.
Wobei ich von diesen ganzen Genreabgrenzungen ohnehin wenig halte. Insofern war es wohl tatsächlich größtenteils Zufall, dass ich so lange im Forum aktiv war. Schreibtechnisch war das Forum für mich immer eine Experimentierwiese, aber eher auf Interaktionsbasis. Man kann dort gut lernen, routiniert zu schreiben, aber für das eigentliche Geschichtenerzählen bringt das wenig. Das ist nicht abwertend gemeint, aber das Schreiben im Forum ist anders – wirklich grundlegend anders – als beispielsweise das Schreiben eines Romans oder auch einer Kurzgeschichte.
Aber ich denke, das ist ein Diskurs, der mit dem Jubiläum nur wenig zu tun hat.


Du bist ja nun schon eine Weile weg und dennoch kann ich dich sicher nicht vergessen. Und das nicht nur, weil ich drei megadicke Ordner mit Texten von dir habe, sogar dein Manuskript »Heimkehr« hab ich noch in der Urfassung. Damit könnte ich dich ja später vielleicht mal erpressen, wenn du reich und berühmt bist. Aber zurück zum Thema: Wie hat die Community der WoG aber insgesamt auf dich gewirkt. War das Forum für dich wichtig? Was würdest du den heutigen Teilnehmern sagen wollen

Klar war das Forum für mich wichtig. Es war ein wichtiger Teil meiner Freizeitgestaltung; während sich andere Leute vor die Glotze gesetzt haben, saß ich vorm Rechner und hab geschrieben. Gut, daran hat sich bis heute nichts geändert. War eine schöne und vor allem auch kreative Art, seine Freizeit zu verbringen.
Jetzt hab ich keine Freizeit mehr und entsprechend auch keine Zeit mehr fürs Forum. Das war ein Scherz. Die Community war für mich stets positiv. Sonst wäre ich auch nicht so lange geblieben. Ich diskutiere gern mit Menschen, aber streiten ist irgendwie so unzivilisiert.

Nein, die Community war immer ein starker Pluspunkt. Das hat schon die Gamesweb-Geschichte damals bewiesen, wo quasi alle größeren Foren zusammengehalten und kurzerhand gegangen sind. Klar gab es auch mal Streitereien – bin ja da selbst kein Engel – aber egal auf welcher Ebene, ob unter Usern oder Mods, irgendwie zog man immer am selben Strang, und mein Gott, im Zweifelsfall schläft man mal drüber. Am nächsten Tag geht die Sonne trotzdem wieder auf.

Gut, andererseits war ich auch nie der Typ, der sich viel in der Plauderecke rumgetrieben hat.
Noch eine Nachricht an die User, lass mal überlegen ... Immer schön die Medi ärgern, sonst wird die mir noch alt. ;P
Naja, und haltet euch von bösen Publishern fern. Ihr wisst schon, wen ich mein. Bin immer noch der Meinung, dass die Spiele nur zum Teil zum Erfolg des Forums beigetragen haben. Der größte Teil lief über die Community.


Hättest du gedacht, dass die WoG ein zehnjähriges Jubiläum erlebt und die Leute, die das hier am Leben erhalten, seit 10
Jahren durchhalten? Willst du denen was auf den Weg geben?


Ja, schon. Aber das liegt wohl daran, dass ich selbst so'n Fossil bin. Für Fossilien sind zehn Jahre nix.
Ne, ich denke es gibt schon eine Verbindung zwischen den Leuten, die sich seit jeher für das Forum einsetzen und dem Umstand, dass es immer noch läuft. Ist wie mit den Hamstern im Laufrad. Solang sie laufen, geht's ihnen gut. Ist doch mal ein toller Vergleich.
Also, was mir immer auf meinem Weg geholfen hat, ist guter Kaffee. Mit gutem Kaffee kann eigentlich nichts schief gehen, mein Jung.
Aber wirklich, was fragst du mich da um Rat? Du weißt doch selbst, was für das Forum am besten ist.
Hach, wenigstens hab ich meinen Charme behalten, wenn schon nicht meine Zähne ...



Was hat dich damals eigentlich am Spiel Gothic fasziniert?

Das ist mal eine einfache Frage. Gothic war einfach toll. Damals. War ja auch quasi das einzige 3D-Rollenspiel, das wirklich funktioniert hat. Außer, wenn man in der Mine hängengeblieben ist, natürlich. Ja, es war verbugt. Ja, die Steuerung war fummelig bis zum Gehtnichtmehr. Aber es hat funktioniert. Es hat Spaß gemacht.
Wirkliche Konkurrenz, im Sinne von Action-Rollenspielen mit einer großen, frei begehbaren Welt, gab's damals auch nicht. Ultima 9 gab's damals, aber das war ein Flop in jeder Hinsicht. Gothic war erdig, Gothic war konsequent, Gothic war humorvoll. Und trotz des recht schwierigen Einstiegs sehr motivierend, das Spiel hat dich ständig dafür belohnt, dass du dich anstrengst. Ob das nun ein starker Gegner war, den man so früh wie möglich entkernt, oder einfach der Erkundungsdrang, es gab überall was. Die Pirhanas haben damals die Stärken des PC-Systems perfekt ausgespielt: Die Grafik war superb, die Welt komplex und dennoch stimmig, die Gegner-AI saudumm ... okay, das ist nach wie vor so ein Problem.

Ganz im Ernst: Wenn ich ein Gothic nach wie vor gern spiel, dann den ersten Teil. Was auch natürlich gar nichts damit zu tun hat, dass mein Rechner vor Ewigkeiten den Geist aufgegeben hat ...


Danke für deine Antworten und die Zeit und nun zum Schluss ... was machst du heute?

Also, wenn ich gerade nicht die Fragen von nervigen Reportern beantworte, finde ich erstaunlich viele Möglichkeiten, den Tag rumzukriegen. Beispielsweise, indem ich langsam ein- und dann wieder ausatme. Wenn man das so ungefähr 518400mal macht, ist der Tag in der Regel rum. Mit etwas Training kann man diese Zahl auch etwas senken, dann braucht man zum Beispiel nur noch 259200. Probier's mal aus, du wirst verblüfft sein, mit welcher Leichtigkeit man auf einmal durchs Leben geht. Ansonsten bin ich stadtlich anerkannter Dealer für "Brownies", für deren Besorgung ich auch regelmäßig im Ausland unterwegs bin. Läuft allerdings eher so nebenberuflich; die meiste Zeit verbringe ich als Kindergärtner für Erwachsene, was komisch klingt, aber wenigstens abwechslungsreich ist. Man weiß da wirklich nie, was kommt. Meine Schäflein sind da ganz außergewöhnlich kreativ; von harmlosen Partys, kleineren Raufereien bis hin zur Hobbydämonologie ist alles dabei. Meistens greife ich da auch nicht groß ein -- bin da wohl eher der antiautoritäre Typ -- sorg nur ab und an dafür, dass alles im richtigen Rahmen bleibt und die Billardkugeln den richtigen treffen. Also so ein bisschen vergleichbar mit deinem Job. :P Und bevor ich jetzt mit Anfragen überschüttet werd: "Brownies" gibt's nur für Stammkunden. Sorry.

geschrieben von meditate


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